Lange Zeit wurde der Klimawandel vor allem unter dem Gesichtspunkt der Energieeffizienz und der Reduktion von Emissionen betrachtet. Inzwischen wird jedoch auch die Anpassung an den Klimawandel zu einer zentralen Herausforderung für den Immobilienmarkt. Sommerlicher Komfort, die Exposition gegenüber Naturgefahren, die Qualität der Aussenräume sowie künftige Renovationskosten: Neue Kriterien beginnen, die Planung, Bewirtschaftung und Vermarktung von Immobilien und zunehmend auch deren Wert zu beeinflussen.
Eine helle Dachwohnung, eine grosse, nach Süden ausgerichtete Glasfassade oder eine besonders exponierte Terrasse galten lange Zeit fast ausschliesslich als Vorteile. Diese Eigenschaften bleiben zwar gefragt, werden heute jedoch differenzierter beurteilt.
Wie verhält sich die Wohnung während einer Hitzewelle? Kann sie nachts wirksam gelüftet werden? Verfügt sie über einen aussenliegenden Sonnenschutz? Sind die umliegenden Flächen begrünt oder vollständig versiegelt? Ist das Untergeschoss bei intensiven Niederschlägen durch Oberflächenabfluss gefährdet?
Diese Fragen treten zunehmend neben die traditionellen Kriterien wie Lage, Preis, Fläche, Aussicht, Erreichbarkeit oder Qualität der Ausstattung.
Diese Entwicklung ist nicht einfach auf ein stärkeres Umweltbewusstsein zurückzuführen. Sie ergibt sich aus einer sehr konkreten Realität: Gebäude, die heute errichtet oder renoviert werden, werden noch mehrere Jahrzehnte lang genutzt unter klimatischen Bedingungen, die sich deutlich von jenen unterscheiden werden, für die ein grosser Teil des heutigen Gebäudebestands konzipiert wurde.
Das Klima wird zu einem eigenständigen Immobilienrisiko
Der OECD-Bericht zur Widerstandsfähigkeit von Immobilieninvestitionen unterscheidet zwei grosse Kategorien von Klimarisiken.
Physische Risiken entsprechen den direkten Folgen extremer Wetterereignisse und allmählicher klimatischer Veränderungen. Dazu gehören Hitzewellen, Starkniederschläge, Überschwemmungen, Hagel, Dürren, Waldbrände, Erdrutsche oder instabile Böden.
Transitionsrisiken entstehen hingegen durch den Wandel der Wirtschaft hin zu einem emissionsärmeren Modell. Dazu zählen insbesondere strengere Vorschriften, veränderte Energiestandards, neue Technologien, Transparenzpflichten, veränderte Finanzierungsbedingungen sowie steigende Erwartungen von Nutzerinnen und Nutzern sowie Investorinnen und Investoren.
Diese beiden Dimensionen sind eng miteinander verknüpft. Ein Gebäude kann energetisch sehr effizient, jedoch nur unzureichend an hohe Sommertemperaturen angepasst sein. Umgekehrt kann ein Gebäude während Hitzewellen einen guten Komfort bieten, gleichzeitig aber weiterhin stark von einem fossilen Heizsystem abhängig sein und erhebliche Investitionen benötigen, um künftige regulatorische Anforderungen zu erfüllen.
Immobilien sind diesen Risiken aufgrund von drei Eigenschaften besonders stark ausgesetzt: Sie können nicht verlegt werden, ihre Nutzungsdauer ist lang und ihre Leistungsfähigkeit hängt stark von ihrem lokalen Umfeld ab. Die OECD weist deshalb darauf hin, dass dasselbe Klimaphänomen je nach Standort, Bauweise, Alter, Unterhalt und Anpassungsgrad des Gebäudes sehr unterschiedliche Auswirkungen haben kann.
Diese räumliche Dimension ist für die Schweiz von besonderer Bedeutung. Die Art des Risikos unterscheidet sich erheblich zwischen einem stark versiegelten städtischen Grundstück, einer Alpengemeinde, einem Quartier an einem Wasserlauf, einem Hang mit erhöhtem Risiko für Bodenbewegungen und einem Stadtzentrum mit ausgeprägter Wärmeinsel.
Die Schweiz ist besonders stark von der Klimaerwärmung betroffen
Das Schweizer Staatsgebiet erwärmt sich schneller als der weltweite Durchschnitt. Gemäss dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) ist die durchschnittliche Temperatur des Landes gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter bereits um rund 2,8 °C gestiegen. Die Erwärmung im Alpenraum verläuft nahezu doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt.
Diese Entwicklung zeigt sich insbesondere in häufigeren Hitzeperioden, längeren Dürrephasen und einer Zunahme von Starkniederschlägen. Hinzu kommen spezifische Auswirkungen in den Bergregionen, etwa das Abschmelzen der Gletscher und das Auftauen des Permafrosts, wodurch sich Felsstürze und Hangrutschungen verstärken können.
Die Schweiz war bereits lange vor der heutigen Bedeutung des Klimawandels stark Naturgefahren ausgesetzt. Hochwasser, Oberflächenabfluss, Murgänge, Hangrutschungen, Lawinen, Steinschläge und Stürme gehören seit jeher zu den natürlichen Risiken des Landes. Der Klimawandel schafft daher nicht immer völlig neue Gefahren, sondern kann deren Häufigkeit, Intensität oder räumliche Ausdehnung verstärken.
Gleichzeitig erhöhen die städtische Verdichtung, die zunehmende Bodenversiegelung und der steigende Wert der Gebäude das Schadenspotenzial. Ein Starkregen hat auf einem wasserdurchlässigen Boden nicht dieselben Folgen wie in einem dicht bebauten Quartier, in dem das Wasser kaum noch versickern kann.
Das BAFU weist ausdrücklich darauf hin, dass das Risiko von Überschwemmungen durch Oberflächenabfluss in zunehmend versiegelten Gebieten steigt. Es genügt daher nicht mehr, lediglich die Nähe zu einem See oder einem Fluss zu beurteilen: Auch Immobilien ausserhalb der traditionell als hochwassergefährdet eingestuften Gebiete können betroffen sein, wenn sich Regenwasser ansammelt oder der Topografie des Geländes folgt.
Der sommerliche Wohnkomfort wird zu einem Qualitätsmerkmal
Lange Zeit wurde die Leistungsfähigkeit eines Gebäudes in der Schweiz vor allem im Hinblick auf den Winter bewertet: Wärme speichern, den Heizenergiebedarf senken und die Wärmedämmung verbessern.
Diese Ziele bleiben weiterhin von zentraler Bedeutung. Eine leistungsfähige Gebäudehülle muss heute jedoch auch die Bewohnerinnen und Bewohner vor sommerlicher Überhitzung schützen.
Besonders betroffen sind nicht unbedingt schlecht isolierte Gebäude. Auch ein modernes Gebäude mit grossen Glasflächen kann sich stark aufheizen, wenn Ausrichtung, Sonnenschutz, thermische Speichermasse und Lüftungsmöglichkeiten bei der Planung nicht ausreichend berücksichtigt wurden.
Vor allem Dachwohnungen und Wohnungen in den obersten Stockwerken sind davon betroffen. Eigenschaften, die ihren Wert traditionell erhöhten – wie freie Aussicht, viel Sonneneinstrahlung oder grosse Fensterfronten –, können während Hitzeperioden teilweise zu einer Quelle von Unbehagen werden.
Sowohl beim Verkauf als auch bei der Vermietung führen diese Entwicklungen zunehmend zu neuen Fragen während der Besichtigung:
- Wie sind die wichtigsten Wohnräume ausgerichtet?
- Sind Aussenstoren oder Sonnenschutzsysteme vorhanden?
- Können die Schlafzimmer nachts wirksam gelüftet werden?
- Ermöglichen die Fenster eine Querlüftung?
- Wurden Dach und Fassaden saniert?
- Gibt es ein Kühlsystem?
- Sind die Aussenbereiche beschattet?
- Welche Temperaturen erreicht die Wohnung während starker Hitze?
Für Immobilienfachleute wird der sommerliche Wohnkomfort damit zu einem wichtigen Qualitätsmerkmal einer Immobilie. Wo entsprechende Lösungen vorhanden sind, sollten sie ebenso sorgfältig dokumentiert und hervorgehoben werden wie das Heizsystem, die Qualität der Wärmedämmung oder die Höhe der Nebenkosten.
Eine Klimaanlage kann nicht die einzige Antwort sein
Angesichts zunehmender Hitzewellen scheint die Installation eines Kühlsystems oft die naheliegendste Lösung zu sein. Sie stellt jedoch nicht immer die nachhaltigste oder widerstandsfähigste Antwort dar.
Ein flächendeckender Einsatz von Klimaanlagen erhöht den Stromverbrauch, verstärkt die Lastspitzen während heisser Perioden und kann zusätzliche Wärme an die Umgebung abgeben. Zudem schafft er eine stärkere Abhängigkeit von technischen Anlagen, die gewartet, ersetzt und mit Energie versorgt werden müssen.
Vorrangig sollte daher der Kühlbedarf durch passive oder energieeffiziente Massnahmen reduziert werden:
- aussenliegender Sonnenschutz;
- automatisierte Storen oder Lamellenstoren;
- nächtliche Lüftung;
- eine angepasste Dachdämmung;
- ausreichende thermische Speichermasse;
- Begrenzung der solaren Wärmeeinstrahlung;
- Begrünung der Umgebung;
- Schaffung von Schattenbereichen;
- Einsatz von Materialien und Belägen, die weniger Wärme speichern.
Technologische Lösungen bleiben dennoch sinnvoll, insbesondere reversible Wärmepumpen oder intelligente Gebäudesteuerungssysteme. Idealerweise ergänzen sie jedoch eine gute Gebäudeplanung, anstatt bauliche Schwächen auszugleichen.
Bei Neubauten ist diese vorausschauende Planung besonders wichtig, da die während der Projektierung getroffenen Entscheidungen die Leistungsfähigkeit des Gebäudes über viele Jahrzehnte bestimmen. Beim bestehenden Gebäudebestand bieten Sanierungen die Gelegenheit, gleichzeitig den Energieverbrauch im Winter, die sommerliche Überhitzung und die allgemeine Widerstandsfähigkeit des Gebäudes zu verbessern.
Vegetation und Wasser gestalten Immobilienprojekte neu
Die Anpassung an den Klimawandel endet nicht an den Gebäudewänden. Die Qualität der Aussenräume spielt eine entscheidende Rolle für den Wohnkomfort und die Fähigkeit eines Quartiers, extremen Wetterereignissen standzuhalten. Bäume, Gärten, begrünte Dächer und Fassaden schaffen Schatten und kühlen die Luft durch Verdunstung. Dunkle mineralische Flächen, grosse asphaltierte Plätze und stark besonnte Fassaden hingegen speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts wieder ab.
Vegetation wird damit zu einer echten Klimainfrastruktur. Sie verbessert den Wohnkomfort, fördert die Biodiversität, unterstützt die Versickerung von Regenwasser und kann die Attraktivität eines Wohnprojekts erhöhen.
Auch beim Wassermanagement zeichnet sich ein vergleichbarer Wandel ab. Das Konzept der «Schwammstadt» verfolgt das Ziel, Niederschläge vor Ort zurückzuhalten, versickern zu lassen und teilweise wiederzuverwenden, anstatt sie möglichst rasch in die Kanalisation abzuleiten.
Dieser Ansatz kann unter anderem auf folgenden Massnahmen beruhen:
- wasserdurchlässige Beläge;
- begrünte Mulden;
- Retentionsbecken;
- begrünte Dächer;
- Regengärten;
- Systeme zur Regenwassernutzung.
Diese Massnahmen erfüllen mehrere Ziele gleichzeitig: Sie reduzieren den Oberflächenabfluss, entlasten die Kanalisation bei Starkregen, kühlen Aussenräume und tragen dazu bei, während Trockenperioden mehr Wasser zu speichern.
Vor diesem Hintergrund sind Aussenanlagen nicht mehr nur gestalterische Elemente. Ihre Planung kann die Widerstandsfähigkeit, die Betriebskosten und die Nutzungsqualität einer Immobilienentwicklung unmittelbar beeinflussen.
Der Standort muss mit einer neuen Perspektive bewertet werden
Die Lage bleibt der wichtigste Faktor für den Immobilienwert. Das Verständnis einer «guten Lage» dürfte jedoch künftig zunehmend auch eine klimatische Dimension umfassen.
Die Nähe zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Arbeitsplätzen bleibt unverzichtbar. Künftig könnten jedoch weitere Kriterien stärker in die Bewertung einfliessen:
- Exposition gegenüber städtischen Wärmeinseln;
- Vorhandensein von Bäumen und Grünflächen;
- Anfälligkeit für Oberflächenabfluss;
- Nähe zu Überschwemmungsgebieten;
- Gefährdung durch Hangbewegungen;
- Verfügbarkeit und Sicherheit der Wasserversorgung;
- Ausrichtung und Luftzirkulation;
- Erreichbarkeit im Falle extremer Ereignisse.
Der OECD-Bericht betont, dass Klimarisiken einen lokalen Ursprung haben. Eine Analyse auf Kantons- oder Gemeindeebene kann deshalb unzureichend sein: Die Gefährdung kann von Grundstück zu Grundstück oder sogar zwischen zwei Gebäuden desselben Quartiers erheblich variieren.
Die Kenntnis von Gefahrenkarten, Topografie, Oberflächenabfluss und der Schadenshistorie dürfte daher bei Machbarkeitsstudien, Immobilienkäufen und Portfoliobewertungen künftig an Bedeutung gewinnen.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass eine exponierte Immobilie automatisch an Wert verliert. Entscheidend sind vielmehr ihre tatsächliche Verwundbarkeit und die vorhandenen Schutzmassnahmen. Ein gut geplantes, sorgfältig unterhaltenes und an die klimatischen Bedingungen angepasstes Gebäude kann widerstandsfähiger sein als eine Immobilie, die theoretisch weniger exponiert ist, jedoch unzureichend vorbereitet wurde.
Die Klimaleistung könnte den Immobilienwert künftig stärker beeinflussen
Es ist derzeit noch schwierig, den Einfluss des Klimawandels auf die Schweizer Immobilienpreise genau zu quantifizieren. Der Wert einer Immobilie hängt von zahlreichen Faktoren ab, darunter das Angebot und dessen Knappheit, die Lage, die Zinssätze, der Zustand des Gebäudes, die steuerlichen Rahmenbedingungen sowie die demografische Entwicklung.
Dennoch zeichnet sich ein allgemeiner Trend ab: Der Markt könnte künftig stärker zwischen Immobilien unterscheiden, die langfristig gute Nutzungsbedingungen bieten, und solchen, die erhebliche Investitionen erfordern werden.
Ein Gebäude, das stark von sommerlicher Überhitzung betroffen ist, über eine fossile Heizung verfügt, schlecht gedämmt oder gegenüber Oberflächenabfluss anfällig ist, vereint mehrere Risiken:
- geringerer Wohnkomfort;
- möglicherweise steigende Betriebskosten;
- künftiger Sanierungsbedarf;
- erschwerter Zugang zu Finanzierungen;
- höhere Versicherungsprämien oder Selbstbehalte;
- schwierigere Vermarktung;
- Risiko einer technischen oder regulatorischen Obsoleszenz.
Demgegenüber bietet ein energieeffizientes, widerstandsfähiges und gut dokumentiertes Gebäude mehr Planungssicherheit hinsichtlich seiner zukünftigen Kosten und Nutzung. Es kann bei Käuferinnen und Käufern, Mieterinnen und Mietern, Investorinnen und Investoren sowie Finanzinstituten grösseres Vertrauen schaffen.
Der OECD-Bericht zeigt bereits heute, dass auf einigen Märkten ältere oder weniger widerstandsfähige Immobilien Preisabschläge und eine geringere Marktliquidität aufweisen. Gleichzeitig profitieren nachhaltige Gebäude häufig von niedrigeren Betriebskosten, einer stabileren Mietnachfrage und besseren Vermarktungsbedingungen. Diese internationalen Erkenntnisse lassen sich zwar nicht unmittelbar auf jede Region der Schweiz übertragen, sie geben jedoch einen Hinweis darauf, in welche Richtung sich die Bewertungsmechanismen entwickeln könnten.
Die Herausforderung dürfte daher nicht nur in einer möglichen «Green Premium» liegen, sondern ebenso in einem «Brown Discount» beziehungsweise einem klimabedingten Wertabschlag für Gebäude, bei denen erhebliche und unzureichend antizipierte Investitionen erforderlich sind.
Dekarbonisierung allein genügt nicht: Anpassung ist ebenso notwendig
Der Gebäudebestand spielt eine zentrale Rolle in der Schweizer Klimapolitik. Das Klima- und Innovationsgesetz verfolgt das Ziel, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Für den Immobiliensektor bedeutet dies langfristig das Auslaufen der direkten Emissionen, insbesondere jener aus fossilen Heizsystemen. Das Gesetz ist am 1. Januar 2025 in Kraft getreten und wird durch Fördermassnahmen begleitet, die insbesondere den Ersatz fossiler Heizungen unterstützen.
Der Ersatz von Öl- und Gasheizungen, der Ausbau von Wärmepumpen und Fernwärme, die Verbesserung der Gebäudehülle sowie die Nutzung von Solarenergie bleiben daher zentrale Prioritäten.
Ein dekarbonisiertes Gebäude ist jedoch nicht automatisch ein an den Klimawandel angepasstes Gebäude.
Eine Wärmepumpe schützt einen Keller nicht vor Überschwemmungen. Photovoltaikanlagen senken nicht von selbst die Temperatur eines Dachzimmers. Eine hervorragende Wärmedämmung im Winter garantiert keinen guten sommerlichen Wohnkomfort, wenn die Fensterflächen unzureichend vor Sonneneinstrahlung geschützt sind.
Der Immobiliensektor muss deshalb zwei Transformationen gleichzeitig bewältigen:
- Den Klimawandel abschwächen, indem die Emissionen aus Bau, Sanierung und Betrieb von Gebäuden reduziert werden.
- Sich an seine Folgen anpassen, indem die Widerstandsfähigkeit gegenüber Hitze, Starkniederschlägen, Dürren und Naturgefahren erhöht wird.
Diese beiden Ziele können teilweise in einem Spannungsverhältnis stehen. So verursacht beispielsweise eine sehr umfassende energetische Sanierung graue Emissionen, während eine Kühlungslösung zwar den Wohnkomfort verbessert, gleichzeitig aber den Stromverbrauch erhöht. Der sinnvollste Ansatz besteht daher darin, ein Gebäude über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg zu betrachten.
Bestehende Gebäude sanieren statt systematisch neu bauen
Die Dekarbonisierung des Gebäudebestands hängt nicht allein vom Energieverbrauch während der Nutzung ab. Auch Bau, Umbau und Rückbau verursachen erhebliche Emissionen, die mit Baumaterialien, Transport und Bauarbeiten verbunden sind.
Vor diesem Hintergrund wird die Verlängerung der Nutzungsdauer bestehender Gebäude zu einem wichtigen Hebel. Eine gezielte Sanierung kann einer Kombination aus Abriss und Neubau vorzuziehen sein, wenn sie es ermöglicht, die bestehende Bausubstanz zu erhalten, die Energieeffizienz zu verbessern und das Gebäude an die zukünftigen klimatischen Bedingungen anzupassen.
Dieser Ansatz der Kreislaufwirtschaft fördert:
- den Erhalt bestehender Tragstrukturen;
- die Wiederverwendung von Bauelementen;
- den Einsatz recycelter Materialien;
- eine reversible Bauweise;
- die Reparierbarkeit technischer Anlagen;
- die Reduzierung von Baustellenabfällen;
- die Wahl emissionsärmerer Baustoffe.
Die Entscheidung muss jedoch stets im Einzelfall getroffen werden. Manche Gebäude eignen sich gut für eine schrittweise Sanierung, während andere erhebliche architektonische, technische oder wirtschaftliche Einschränkungen aufweisen.
Die Fähigkeit, eine kohärente Sanierungsstrategie zu entwickeln, wird somit zu einem wichtigen Faktor des Immobilienmanagements. Es geht nicht mehr nur darum, sichtbare Mängel zu beheben, sondern die optimale Reihenfolge der Massnahmen festzulegen: Gebäudehülle, Heizsystem, Lüftung, Sonnenschutz, Energieerzeugung, Wassermanagement und Gestaltung der Aussenanlagen.
Versicherungen und Finanzierungen werden Klimarisiken stärker berücksichtigen
Die Auswirkungen des Klimawandels werden nicht allein von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie Bewohnerinnen und Bewohnern getragen. Auch Versicherungen, Banken und Investorinnen und Investoren sind davon betroffen.
Wenn ein Risiko häufiger auftritt oder höhere Kosten verursacht, kann dies zu steigenden Versicherungsprämien, höheren Selbstbehalten, zusätzlichen Präventionsanforderungen oder Einschränkungen des Versicherungsschutzes führen.
Finanzinstitute können ihrerseits die Energieeffizienz, die Exposition gegenüber Naturgefahren und den künftigen Sanierungsbedarf stärker in ihre Bewertungen einbeziehen. Eine Immobilie, die erhebliche Investitionen erfordert, kann ein höheres Kredit- oder Wiederverkaufsrisiko darstellen als ein Gebäude, das bereits an zukünftige Anforderungen angepasst wurde.
Die OECD weist darauf hin, dass physische Risiken und Transitionsrisiken sowohl die Cashflows als auch die Investitionsausgaben, Betriebskosten und die Liquidität von Vermögenswerten beeinflussen können. Es geht somit nicht ausschliesslich um ökologische Nachhaltigkeit, sondern unmittelbar um die Grundlagen der Investitionsbewertung.
Für institutionelle Eigentümerinnen und Eigentümer sowie Portfoliomanager wird eine Klimarisikoanalyse ihres Immobilienbestands zunehmend ebenso wichtig wie ein Unterhaltsplan oder eine Energiestrategie.
Die Rolle der Immobilienfachleute verändert sich
Für Immobilienagenturen, Verwaltungen, Projektentwickler und Bewertungsexpertinnen und -experten erweitert der Klimawandel den Umfang der Informationen, die erhoben, interpretiert und weitergegeben werden sollten.
Bei der Übernahme eines Mandats kann es künftig sinnvoll sein, Folgendes zu dokumentieren:
- die Qualität der Gebäudehülle;
- das Heizsystem und dessen Installationsjahr;
- den Sonnenschutz;
- die Lüftungsmöglichkeiten;
- die gemessenen Sommertemperaturen;
- allfällige Schäden durch Wasser oder Hagel;
- die geltenden Gefahrenkarten;
- bereits umgesetzte Anpassungsmassnahmen;
- das Potenzial für Begrünungsmassnahmen;
- das Solarpotenzial;
- absehbare Investitionen.
Diese Informationen können anschliessend in Bewertungen, Verkaufsdossiers, Sanierungsstrategien und die Vermarktung von Immobilien einfliessen.
Diese Entwicklung erfordert jedoch auch Vorsicht. Die Klimaleistung eines Gebäudes sollte nicht zu einem neuen, unpräzisen Marketingversprechen werden. Sie muss auf überprüfbaren Merkmalen beruhen und präzise formuliert sein.
Eine Wohnung lediglich als «nachhaltig» oder «resilient» zu bezeichnen, ohne die entsprechenden Eigenschaften zu belegen, bietet nur wenig Mehrwert. Deutlich aussagekräftiger ist es hingegen, darauf hinzuweisen, dass sie über einen aussenliegenden Sonnenschutz, eine Querlüftung, ein saniertes Dach, ein wasserdurchlässiges Grundstück oder ein Regenwassernutzungssystem verfügt.
Immobilienfachleute werden damit zunehmend eine vermittelnde Rolle übernehmen: Sie machen technische, energetische und standortbezogene Informationen verständlich, damit Eigentümerinnen und Eigentümer, Käuferinnen und Käufer sowie Mieterinnen und Mieter fundierte Entscheidungen treffen können.
Vorausschauendes Handeln, um Wert und Nutzbarkeit zu erhalten
Der Klimawandel wird den Schweizer Immobilienmarkt voraussichtlich nicht von heute auf morgen grundlegend verändern. Vielmehr wirkt er als schleichende Entwicklung, die die Nutzungsbedingungen von Gebäuden, die Erwartungen der Bewohnerinnen und Bewohner sowie die mit dem Besitz einer Immobilie verbundenen Risiken allmählich verändert.
Einige Auswirkungen sind bereits heute sichtbar: Der Sonnenschutz gewinnt an Bedeutung, Begrünungsmassnahmen werden zu einem festen Bestandteil der Planung, fossile Heizsysteme werden schrittweise ersetzt und Starkniederschläge erfordern ein sorgfältigeres Management des Oberflächenabflusses.
Andere Folgen werden sich erst nach und nach in Immobilienbewertungen, Versicherungsbedingungen, Finanzierungen und Standortentscheidungen widerspiegeln.
Für die Immobilienbranche besteht die grösste Herausforderung darin, zwei Fehler zu vermeiden: Einerseits die Risiken zu unterschätzen, weil ihre Auswirkungen auf die Immobilienpreise bislang nur schwer messbar sind; andererseits einen übertrieben alarmistischen Ansatz zu verfolgen, der jede exponierte Immobilie als problematisch betrachtet.
Die richtige Antwort liegt in einer fundierten Analyse: die Besonderheiten jedes Standorts und jedes Gebäudes zu verstehen, seine Schwachstellen zu identifizieren, den notwendigen Sanierungsbedarf abzuschätzen und jene Massnahmen hervorzuheben, die seine Widerstandsfähigkeit tatsächlich verbessern.
Der Schweizer Immobiliensektor hat seine Energiewende bereits eingeleitet. Der nächste Schritt besteht darin, die Anpassung an den Klimawandel vollständig in die Planung, Sanierung, Bewertung und Vermarktung von Immobilien zu integrieren.
In einem Markt, in dem die Qualität der Lage schon immer entscheidend war, könnte die Fähigkeit eines Gebäudes, trotz des sich wandelnden Klimas komfortabel, zugänglich, versicherbar und funktional zu bleiben, zu einem der wichtigsten Bestandteile seines langfristigen Wertes werden.
Quellen
oecd.org - Article
fri.ch - Article
clubpatrimoine.com - Article
wuestpartner.com - Article
immobilier.ch - Article
neu-immo.ch - Article
rsi.ch - Article
we-net.ch - Article